Bandscheibenvorfall beim Welsh Corgi

Einleitung
Im Newsletter des Welsh Corgi Rescue Service vom März 2002 gibt Sheila Baker ihrer Besorgnis Ausdruck darüber, dass immer mehr Corgis Probleme mit der Hinterhand haben. Der Rescue Service hat zur Zeit drei Laufhilfen in Betrieb, wodurch die betroffenen Corgis wieder mobiler sind, vgl. Abbildung. Kürzlich wurden dem Rescue Service noch zwei weitere dieser Hilfsmittel zur Verfügung gestellt.

Pembroke auf Rädern

Im Newsletter wird auch die Frage aufgeworfen, was der Grund für diese unglückliche Tendenz sein könnte: liegt es an der Ernährung, am Züchten oder an den Besitzern, die ihre Corgis zuviel herumspringen lassen? Und wieder einmal wird davor gewarnt, Corgis auf Möbel springen zu lassen, Bälle oder Frisbees in der Luft zu fangen und selbstverständlich vor Treppen. Obwohl diese Vorsichtsmassnahmen bei einem Welpen angebracht sind, sollte man bei einem erwachsenen Corgi nicht dauernd Rücksicht nehmen müssen. Es liegt an den Züchtern, dafür zu sorgen, dass uns der ehemals robuste Gebrauchshund mit der hohen Lebenserwartung erhalten bleibt und nicht zu einem gebrechlichen Schosshund degeneriert.

Leider besitzt der Rescue Service nicht genügend Informationen, um die genaue Ursache dieses Problems in jedem einzelnen Fall aufzudecken. Viele der betroffenen Corgis sind sehr alt und leiden an Verkalkungen oder Arthrose. Die weitaus häufigste Ursache für Lähmungen der Hinterhand ist aber ein Bandscheibenvorfall. Ob man seinen derart behinderten Hund, auch wenn er keine Schmerzen hat, am Leben lassen oder ihn lieber einschläfern will, muss jeder selbst entscheiden. Ich habe bisher zwei Cardigans mit dieser Lähmung der Hinterhand gesehen, einen älteren und einen jüngeren, und beide robbten vergnügt und mit erstaunlichem Tempo und ohne Laufhilfe in der Gegend herum. Es ist aber trotzdem ein deprimierender Anblick und der Hund kann sich dabei die Hinterläufe blutig scheuern ohne es zu spüren.

Verlauf der Krankheit
Der Bandscheibenvorfall kommt vor allem beim Dackel vor, weshalb die Krankheit auch oft als "Dackellähme" bezeichnet wird. Aber andere kurzbeinige Rassen sind ebenfalls davon betroffen, wobei vor allem Shih Tzu, Pekingese, Lhasa Apso, Beagle, und in gewissem Masse leider auch der Welsh Corgi zur Risikogruppe gehören.

Die Kurzbeinigkeit der Corgis und anderen Rassen beruht auf einem genetischen Knorpeldefekt, d.h. der Knorpel degeneriert zu früh und es kommt zu Wachstumsstörungen der Röhrenknochen. Dieser Umstand gilt auch für die Knorpelmasse der Bandscheiben. Bei den betroffenen Rassen haben die degenerierten Bandscheiben eine grössere Tendenz zu verkalken, wie Röntgenaufnahmen deutlich zeigen.

Die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule sind mit flachen Bandscheiben verbunden. Darüber befindet sich ein Kanal mit dem Rückenmark, das Impulse vom und zum Hirn leitet. Die Bandscheiben bestehen aus Knorpel und Bindegewebe. Sie machen die Wirbelsäule beweglich und wirken stossdämpfend. Diese Funktion wird beeinträchtigt, wenn die Bandscheiben degenerieren. Es kommt zu Spannungen, wobei der Knorpel zerbrechen kann. Gleichzeitig entstehen Spalten, und es kommt zum Bandscheibenvorfall, wenn der Inhalt der Bandscheibe durch die Spalten dringt. Die Bandscheibe ist am dünnsten und schwächsten gleich unter dem Rückenmark. Durch die Bewegungen wird der Bandscheibeninhalt nach oben gepresst und bewirkt einen Druck auf das Rückenmark oder die abgehenden Nerven. Rund 90% der Bandscheibenvorfälle kommen in der Brust- und Lendenregion vor und nur ca. 10% in der Halsregion.

Ein Bandscheibenvorfall kann äusserst schmerzhaft sein. Der Hund reagiert empfindlich auf Druck an der betroffenen Stelle und es kann zu Lähmungserscheinungen kommen. In den leichtesten Fällen kann der Hund noch laufen, bewegt sich aber unsicher. In schwereren Fällen werden die Hinterbeine gelähmt mit stark reduzierter Schmerzempfindlichkeit und im schlimmsten Fall wird der ganze Hinterkörper gelähmt und völlig unempfindlich, was auch den Verlust der Kontrolle über die Blasen- und Darmfunktion zur Folge haben kann.

Die Krankheit tritt typisch im Alter von 4-6 Jahren auf. Die ersten Anzeichen eines Bandscheibenvorfalls zeigen sich durch verändertes Verhalten des Hundes - physisch wie psychisch. Er wirkt vielleicht lustlos oder aggressiv, leidet eventuell an Verstopfung, hat keine Lust hinaus zu gehen oder springt nicht mehr aufs Sofa oder ins Auto, usw. Ein Bandscheibenvorfall kann je nachdem wie schwerwiegend er ist, auf verschiedene Weise behandelt werden: mit schmerzstillenden Mitteln, Ruhe, Akupunktur oder Operation, aber damit werden nur die Symptome bekämpft. Viel wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass es gar nicht zu einem Bandscheibenvorfall kommt.

In Dänemark waren in den 80'er Jahren vor allem die Kurzhaardackel vom Bandscheibenvorfall betroffen. Heute sind es die Rauhaardackel, was u.a. auf einen Importrüden mit diesem Leiden zurückzuführen ist. Er und einer seiner Enkel wurden intensiv als Zuchtrüden eingesetzt, so dass ihre Gene weit verbreitet sind. Um dem Problem auf den Grund zu gehen, leitete der dänische Dackelklub eine umfassende Untersuchung ein. Diese zeigte eindeutig, dass Bandscheibenvorfall in erster Linie eine Erbkrankheit ist, und dass vor allem die Rüden dazu beitragen, die Krankheit zu verbreiten, weil diese im Gegensatz zu den Hündinnen viel öfter für die Zucht eingesetzt werden.

Dackel auf Rädern
Foto: Robert Doisneau, Paris 1977

Die Untersuchung zeigte auch, dass die Verkalkungen der Bandscheiben, die für den Bandscheibenvorfall verantwortlich sind, am deutlichsten zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr zu sehen sind. Werden die für die Zucht vorgesehenen Rüden in diesem Alter untersucht, kann man verhindern, dass diejenigen mit Verkalkungen zur Zucht verwendet werden. Nicht jeder Tierarzt kann diese Untersuchung durchführen, denn es braucht erstens einen sehr guten Röntgenapparat und zweitens muss der Tierarzt wissen, auf was er achten muss.

Der dänische Dackelklub will nun ein Zuchtprogramm einführen, wobei die Untersuchungen freiwillig sein sollen. Man hofft natürlich, dass möglichst viele Züchter ihre Verantwortung wahrnehmen und mitmachen werden, um diese Krankheit in den Griff zu bekommen und das Leiden des betroffenen Hundes sowie die Sorgen seines Besitzers in Zukunft zu verhindern.
Neben dem Bandscheibenvorfall können noch andere Krankheiten zur Lähmung der Hinterhand führen, z.B. Entzündungen des Rückenmarks oder degenerative Myelopathie (DM), eine unheilbare, progressive Erkrankung des Rückenmarks, die typisch im Alter von 8-14 Jahren ausbricht und auch bei Corgis vorkommt. Auf jeden Fall ist immer eine genaue Abklärung der Ursache notwendig.

Anita Nordlunde

Weitere Informationen:
Informationsbroschüre von Dr.med.vet. Kai Rentmeister, Deutschland

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www.welshcorgi-news.ch
02.04.2011