Last Christmas ....!

wreathEs ist jedes Jahr dasselbe: Mir geben sie diese blödigen Rescue-Tropfen, wegen Silvester und so.
Sie schmecken so eklig, aber ich nehme sie, es beruhigt sie.
Sie, nicht mich. Meine Menschen meine ich jetzt.

Dabei sollten sie sie eigentlich selbst nehmen. Um Weihnachten rum werden sie immer so komisch.
Ich will mich nicht beklagen, Leute, die Zeit vor Weihnachten ist eigentlich immer recht ruhig und schön.
Sie hat was, dochdoch.
(Wie's dies Jahr mir dem Blaubären werden wird.... aber gut, lassen wir das! )
Sicher, weder Rieke noch ich schätzen es besonders, mit auf diese Weihnachts-märkte geschleift zu werden.
Wir werden ja auch nicht geschleift, sondern getragen. Sonst latschen die Menschen auf uns rum, weil sie uns da unten in dem Gewimmel gar nicht sehen. Pläne, uns mit Leuchtehalsbändern und Weihnachtsmützen auszustatten, wurden vom Hausherrn bisher rigoros abgeschmettert. Dem Himmel sei Dank.
Trotzdem, das Gelbe vom Ei sind diese Weihnachtsmärkte nicht.
Plätzchen backen ist dagegen viiieeeel besser. Denn es fällt immer was runter. Sie können noch so sehr aufpassen, es nutzt ihnen alles nix. Wir kriegen unseren Teil, jawoll!

Wie gesagt, so übel find ich die Adventszeit nicht.
Weihnachten selber ist meistens recht komisch. Aus Corgi-Sicht wenigstens. Es fängt damit an, dass das Kind (was jetzt eigentlich so langsam keins mehr ist) im Brustton der Überzeugung erklärt, er sei dies Jahr gar nicht mehr so aufgeregt. Er wisse ja, dass Weihnachten sowieso käme, egal ob man aufgeregt sei oder nicht.
Ach? Dabei isser dermassen hibbelig, dass es schier nicht auszuhalten ist. Schlimmer als Rieke. Und das will was heissen. Rescue-Tropfen? Oder Baldrian, massenhaft Baldrian!
Mama gerät jedes Mal bei den Weihnachtsvorbereitungen einmal kurz in Panik. Der Anlass ist dabei nicht so wichtig, ich glaube, es gehört einfach dazu. Wir schauen sie dann forschend an, der Gatte greift wortlos zur Kaffeemühle und kocht erstmal nen bommelschwarzen Kaffee.

Papa ist eigentlich ein sehr gelassener Mensch, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen ist. An 364 Tagen von 365 im Jahr.
Allerdings hat auch er seinen Schwachpunkt.
Der kommt Heiligabend vormittags, wenn der Baum aufgestellt werden muss.
Rein technisch, also von der handwerklichen Seite aus gesehen, ist das kein Problem für ihn.
Aber er hat eine Frau geheiratet, die eine Abweichung von einem Mikrometer von der Vertikalen noch aus drei Metern Entfernung aus dem Augenwinkel erkennt. Schrecklich so was!
Papa verlässt sich da lieber auf eine seiner 73 Wasserwaagen. Leider kann man sie bei so einem Baum schwerlich benutzen, die Zweige sind im Weg.

Gewöhnlich haben wir darum meist einen Baum im Topf, Motto: Wenner steht, steht er.
Was natürlich auch immer ein wenig dauert. Aber die Dinger sind einfach handlicher. Wenn ihr mich fragt, ich fand Bäume im Topf früher immer öde.
Wie soll man so hoch in einen Topf pieseln?!?
Andererseits, die Aufregung um so einen Baum, ob die wohl so gut für unser hundeseelisches Gleichgewicht ist?

Im letzten Jahr nämlich wurde aus Sparsamkeitsgründen ein Bäumchen "unten ohne" gekauft und schon im Vorfeld leicht gereizt, machte sich Papa also an die Arbeit.
Aufgestellt war der Baum ja schnell, aber das Ausrichten! Rieke, die den Ernst der Situation mal wieder völlig ignorierte, flitzte unter den Weihnachtsbaum und fing an, Papa das Gesicht abzuschlecken. Seine Lage war ziemlich aussichtslos, im wahrsten Sinne des Wortes: unter sich den Holzfussboden, über sich den Baum und dazwischen ein Corgi, der gut und gern für vier durchgeht, jedenfalls, was das Temperament angeht. Er wollte schimpfen, aber nicht mal das ging, schimpf mal einer, mit ner Hundeschnauze im Mund, hähä!

cookie Ich weiss, wann es besser ist, das Feld zu räumen und verzog mich in die Küche.
Dort war Mama dabei, die Weihnachtstorte zu füllen. Sie summte irgendwas vor sich hin, ich konnte es nicht ganz genau verstehen aber es klang wie
"Wenn die Tort' zerbröckelt ist, jumheidi, jumheida, Spucke guter Kleber ist, jumheidiheida....!"
Blärx!
Dabei flunkert sie, ich hab's genau gesehen, sie hat alles mit Aprikosenkonfitüre wieder zusammengeleimt, was sie vorher kaputt gemacht hat!

"Mommy, gib mir was ab!" bettle ich.
"Schokoladenkuchen ist nicht gut für Hunde!" bemerkt sie weise.
"Dann gib mir was von der Füllung!"
Die Füllung ist oberlecker, das WEISS ich, schliesslich haben wir im Sommer zusammen Konfitüre gekocht.
"Marmelade ist nicht gut für deine Zähne..."
Stieselig ist, das, einfach stieselig. "Für deine Zähne auch nicht!"
"Ich putze aber meine Zähne!"
Jetzt hab ich sie!!!!
"Meine putzt du doch auch!!!"

Tja, Satz und Spiel an mich! Was soll sie noch sagen? Die Aktion bringt mir eine Mandel ein, eine grosse, herrliche Mandel: Lecker!

Die Köchin flüchtet aus der Küche um sich im Wohnzimmer Trost zu holen, vor allzu verfressenen Corgis, wie sie sagt.
Ich weiss nicht, ob das so klug ist.
Denn im Wohnzimmer stehen ihre Männer und betrachten unglücklich den Weihnachtsbaum:

"Grottenschief!" sagt Papa traurig.

Mama schaut ihn an und ich weiss, dass sie gerade beschliesst, dass es im nächsten Jahr ganz bestimmt wieder ein Baum im Töpfchen wird, egal, was es kostet und auch, wenn der Garten bald zugewachsen sein dürfte, wenn das so weitergeht. Dann geht sie hin, packt das unglückselige Gewächs resolut mit einer Hand und stellt es kerzengerade hin.
"Jetzt schraub ihn fest!"

Natürlich rutscht das Bäumchen dabei wieder etwas aus der Senkrechten, aber nicht wirklich schlimm.

"Ist er jetzt gerade oder immer noch ....??" fragt Papa hoffnungsvoll.
"Nee, grottenschief war vorher, jetzt isser nur noch schief."

Sie lassen ihn so. Es muss auch schiefe Bäume geben.

nutcrackerUnd wenn man so Kugeln und Zapfen und Engel dranhängt, fällt das auch gar nicht mehr auf. Vorausgesetzt es sind viele Kugeln.
Wahrscheinlich dauert das Schmücken darum immer so lange.

Langsam fangen wir an zu schmollen: Schon nachmittags und immer noch kein Spaziergang!
Endlich fängt es an zu dämmern und endlich nehmen sie ihre Jacken und Mützen und gehen mit uns raus. Wurd auch Zeit!

Draussen sind ganz viele Leute unterwegs, alle mit grossen Paketen, aber leider keiner mit Hunden.
Wir wandern lange und ausgiebig durch den Wald, dort ist es heute besonders nett, denn es hat geregnet, aber auf allen Wegen liegt noch Eis:
Das gibt das feinste Aquaplaning!!
Wir haben schnell raus, wieviel Schwung wir nehmen müssen, um so zu schliddern, dass wir genau über dem Ball zum Stehen kommen. Ganz im Gegensatz zu den Menschen, die beim Werfen jedes Mal so aussehen, als würden sie gleich auf dem Hosenboden landen. Zentrifugalkräfte!

Als wir wieder nach Hause kommen, ist es längst dunkel.
Alle ziehen sich fein an und auch Rieke und ich bekommen unsere Weihnachtstüchlein um, in rot mit Bäumen und Elchen. Rieke, die ja wie immer an allem rumkauen muss, probiert natürlich sofort, ob sie das Tuch auch wie ein Postkutschenräuber über der Nase tragen kann.
Vermutlich glaubt sie, sie könne dann bei ihren Schandtaten unerkannt bleiben. Was natürlich einfach lächerlich ist.

Bald versinken wir unter Bergen von Papier und können mit den Schleifenbändern haschen spielen. Auch wir bekommen was geschenkt: eine schöne Plüschdecke für jeden, rot mit schwarzen Pfötchen! Und endlich, endlich gibt es auch was zu fressen, lecker Hühnchen in Brühe, fein!

toy Doch, letztes Jahr an Heiligabend war es so richtig nett und gemütlich bei uns.
Das Kind studierte seine neuesten Weihnachtsschätze, Mama lag auf dem Sofa und schmöckerte ihrerseits in ihren neuen Weihnachtsbüchern, das Riekeli neben sich, welches geniesserisch am Zipfel einer handgenähten Patchworkdecke lutschte.
Papa war nach draussen gegangen, wohl um noch etwas Holz für das Weihnachtsfeuerchen zu holen und vielleicht, um den Weihnachtsglocken zu lauschen.
Ich schaute noch mal zum Weihnachtsbaum.
Die Lichter am Baum funkelten. Und auch mir war so weihnachtlich zumute.
Und mir wurde das Herz so weit, dass ich einfach jodeln musste.
Nur ein ganz kleines bissel und nur ein einziges Mal:
"Chriiiiiiiissssmäääääääääääääässss iiiis fooor Cooorgiiiiiiiiiiiiiiiss....!"

Ich hätte es wissen sollen.
Auch im Gebirge soll man nicht laut rufen, wenn man keine Lawine lostreten will. Meine Lawine begann mit einer kleinen, rot-weiss gestreiften Zuckerstange, die mit leisem Klimpern auf den Boden purzelte. Sie war nur winzig, aber sie muss es gewesen sein, die den Baum im Gleichgewicht gehalten hat.

Wie in Zeitlupe neigte sich der ganze Baum plötzlich der Erde zu.
Ich wusste, dass Mommy schnell sein kann, wenn sie will, aber diese Art von Hechtsprung war mir neu bei ihr... die A-Note war wirklich nicht übel, nur an der B-Note müssen wir noch arbeiten.

Sie stand da, die Tanne halbwegs im Arm, hin und her gerissen zwischen der Angst um die Weihnachtsbaumkugeln, die schon bei ihrer Urgrossmutter selig den Baum geschmückt haben und ......... brüllendem Gelächter.

Xmas tree

Papa drosch schliesslich mit wilder Entschlossenheit einen grossen Holzkeil zwischen Stamm und Baumständer. Und siehe, nun stand unser Bäumchen auch endlich gerade!

Text und Zeichnungen © 2005 Bie.st, www.corgihouse.de
Übersetzung: Ano


12.12.2010