Als Anwyl den Reisbrei des Nissen rettete

Einmal vor langer Zeit lebte die Corgi Hündin Anwyl fern von hier auf einer Farm zusammen mit ihren Menschen und den Tieren. Sie war ein Hütehund und passte auf die Tiere auf. Den ganzen Frühling, Sommer und Herbst verbrachten sie auf den Hügeln und in den Tälern, wo die Kühe würziges, saftiges Gras fanden, so dass sie fette weisse Milch für das Frühstück der Menschen liefern konnten. Später, wenn die Herbststürme rasten, konnten sie nicht mehr nach draussen und so hielt Anwyl (was auf Walisisch "lieb" bedeutet) sich hauptsächlich im Kuhstall auf.

Sie konnte streng sein im Umgang mit den Kühen, wenn sie auf der Weide waren, aber sie waren trotzdem gute Freunde. Sie genoss es, im Heu im warmen Kuhstall zu liegen und den Kühen zuzuhören, wie sie wiederkäuten und sich über ihre Erlebnisse im Sommer unterhielten. Auch wenn draussen der Wind heulte und pfiff, war es immer angenehm und warm im Dunkeln bei den grossen Kühen. Später fiel der Schnee und breitete über die Gebäude der Farm, die Hügel und die Täler eine weiche weisse Daunendecke aus und alles wurde still und voller Erwartung. Anwyl wusste, dass wenn der Schnee einige Wochen gedauert hatte, es Weihnachten war. Sie freute sich riesig auf Weihnachten, weil es für sie immer einen besonderen Leckerbissen bedeutete.


Die Tage vergingen wie immer zu dieser Jahreszeit langsam und friedlich. Die alte Kuhstalltür liess sich nicht mehr ganz schliessen - ein Spalt blieb offen, gross genug für Anwyl, um herauszuschlüpfen und allein ihre Runden zu drehen, wann immer sie wollte. Manchmal konnte sie in der Nacht die Füchse beobachten, wie sie am Waldrand im Mondlicht spielten und nach Mäusen oder anderen Kleintieren jagten. Sie wollte sie gerne besser kennen lernen, denn sie sahen ihr ja ähnlich - sie hatten sogar eine weisse Schwanzspitze! Wenn die Füchse ab und zu mit ihrem Spiel aufhörten und sie erblickten, standen sie still am Rand des Feldes und betrachteten sie neugierig. Aber Anwyl wagte sich alleine nicht zu weit weg von der Farm und die Füchse vermieden die Nähe der Farm, wo sie die Menschen riechen konnten, und so lernten sie sich gegenseitig nie besser kennen.

Eines Tages wusste Anwyl plötzlich, dass es Heiligabend war. Die Kinder kamen aus der Scheune mit einem Bündel Getreidehalmen, die sie zu einer Garbe zusammen banden und für die Vögel an die Tür des Kuhstalls hängten. Das machten sie an jedem Heiligabend, so lange Anwyl sich erinnern konnte. Jetzt wusste sie, dass sie am Abend einen saftigen Fleischknochen erhalten würde. Vergnügt trottete sie in den Kuhstall und liess sich auf ihrem üblichen Platz im Heu nieder und stellte sich vor, wie herrlich der Knochen schmecken würde. Sie leckte sich um die Schnauze beim Gedanken daran, wie er letztes Jahr geschmeckt hatte und das Jahr zuvor und vielleicht noch länger zurück. Ach, warum vergeht die Zeit so langsam?

Plötzlich bemerkte sie einen grauen Schatten, der an den Liegeplätzen der Kühe vorbei in die Dunkelheit huschte. Dann kam er zurück gefolgt von vielen anderen. Sie wimmelten herum und starrten die Kühe böse an, bevor sie wieder im Dunkeln verschwanden. Die Kühe wurden unruhig.


"Ratten! Die Ratten sind zurück", muhten die Kühe und stampften mit ihren Klauen. Anwyl hatte gelegentlich gehört, wie die Kühe über Ratten sprachen, aber es war lange her, dass es welche gab - es war bevor sie auf die Welt kam und demzufolge hatte sie nie eine gesehen. Aber die Kühe hatten ihr erzählt, dass es widerliche, kleine Tiere mit bösen roten Augen waren und dass sie die Kühe bissen, wenn sie schliefen.

Anwyl wurde wütend! Sie hatten kein Recht, hier zu sein, denn hier bestimmte sie! Sie sträubte ihre Haare, zeigte ihre Zähne und knurrte tief in ihrer Brust, während sie zu der dunklen Ecke ging, wo die Ratten verschwunden waren. Im Dunkeln sah sie rote Augen, die sie anstarrten. Anwyl brüllte vor Wut und die Augen verschwanden. Vorsichtig näherte sie sich. Sie konnte die Ratten riechen und ihre Rückenhaare waren gesträubt. So verblieb sie lange, schnüffelnd und horchend, aber alles war still.

"Ich muss ihnen einen ordentlichen Schrecken eingejagt haben. Jetzt sind sie fort. Ich werde mich wieder ins Heu legen." Die Kühe hatten sich beruhigt und Anwyl kuschelte sich tief ins Heu hinein. Sie musste eingeschlafen sein, denn plötzlich hörte sie, wie jemand die knarrende Stalltüre öffnete. Es war ihr Frauchen mit dem saftigen Fleischknochen für Anwyl und dem Reisbrei für den Nissen. Sie stellte die Schüssel mit dem Brei auf den Boden und ging die Liegeplätze entlang, indem sie mit jeder Kuh sprach, sie tätschelte und ihnen allen fröhliche Weihnachten wünschte. Dann war Anwyl an der Reihe. Sie lag halb begraben im Heu und wedelte mit dem Schwanz und leckte erwartungsvoll die Lefzen, indem sie Frauchen mit ihren grossen schönen Augen begierig anschaute. Frauchen setzte sich neben sie ins Heu und entfernte einige Halme vom Kopf des Hundes.

"So du kleiner Racker", sagte sie. "Möchtest du etwas Feines? Einen Leckerbissen?" Anwyl schüttelte und streckte sich und sagte "Ooaargh" (was in der Sprache der Corgis so etwas bedeutet wie "jetzt geht es mir gut, jetzt fühle ich mich wohl"). Natürlich wollte sie einen Leckerbissen. Was soll die Frage?

Frauchen reichte dem Corgi den grossen Knochen. Aber Anwyl war eine Dame und stürzte sich nicht gleich auf den Knochen. Sie konnte aber nicht verhindern, dass ihr das Wasser im Maul zusammen lief, als sie mit weit offenen Augen vorsichtig den Leckerbissen entgegen nahm. Sie wollte ihn in vollen Zügen geniessen. Sie legte den Knochen vor sich hin auf den Boden und schnüffelte an ihm in freudiger Erwartung.

"Es scheint, du hast mich völlig vergessen", lachte Frauchen. "Ich muss wieder zurück zu den anderen. Ich wünsche dir frohe Weihnachten, mein Liebes. Hoffentlich ist der Nisse zufrieden mit dem Brei und gewährt uns ein gutes Jahr." - "Nun, ich weiss nich...", sprach sie zu sich selbst. "Es ist eine schöne Tradition, dem Nissen eine Portion Reisbrei bereit zu stellen, obwohl er gar nicht existiert. Wahrscheinlich bedienen sich einfach die Mäuse damit."

Überrascht blickte Anwyl zu Frauchen auf. "Wie kann man so etwas sagen", dachte sie. Natürlich existiert der Nisse. Sie kannte ihn sogar recht gut. Der Nisse war ein älterer, netter kleiner Kerl mit einem grauen Bart und handgesponnenen Kleidern. Immer liebevoll im Umgang mit den Tieren und äusserst scheu den Menschen gegenüber. Wenn sie nur wüssten, was der Nisse alles tat, damit alle auf der Farm ein gutes Leben führen können. Manchmal beklagte er sich ein wenig darüber, dass die Menschen seine Arbeit nicht zu schätzen wussten. Auf der anderen Seite wussten sie nicht, dass er existierte und das war auch gut so. Der Nisse war schon immer auf der Farm. Er war der Erste, der hierher kam, das Haus, den Kuhstall und alle die anderen Gebäude baute, den Wald rodete und die Felder kultivierte. Und da es ihm hier gefiel, sah er keinen Grund, wegzuziehen. Die Jahre wurden zu Jahrhunderten, neue Menschen und Tiere kamen und gingen - aber der Nisse blieb und werkelte weiterhin.


Der einzige Tag im Jahr, wo die Menschen an den Nissen dachten, war an Heiligabend. Sie setzten eine Schüssel Reisbrei hin, indem sie sich gegenseitig lächelnd anschauten und sagten, dass sie nicht an den Nissen glaubten, aber dass es so eine nette Tradition sei und warum also sollten sie es nicht tun? Wenn der Nisse das hörte, wurde er immer traurig. "Können sie denn nicht sehen, wie schön und sauber alles ist auf der Farm? Ist ihnen nicht bewusst, dass es nicht so wäre, wenn keiner etwas täte? Nein, nein", dachte er, "sie sollen es auf ihre Art machen und ich mache es auf meine Art."

Lange leckte und schnupperte Anwyl am Knochen. Plötzlich hörte sie Geräusche aus der dunkeln Ecke, wo die Ratten verschwunden waren. Mehrere roter Augenpaare tauchten auf. Die Ratten kamen zurück und es waren bedeutend mehr. Sie huschten herum und witterten das gute Essen. Bald wurden sie mutiger und kamen aus dem Dunkeln. Die Kühe wurden unruhig, während die Ratten zwischen und vor ihnen und in alle Richtungen rannten, indem sie immer frecher wurden. Anwyl im Heu hatten sie noch nicht entdeckt aber den Reisbrei des Nissen. Der Brei war warm, viel zu warm für die Ratten. Aber sie kratzten trotzdem an der Schüssel, während sie darauf warteten, dass der Brei abkühlen würde. Sie tanzten im Kreise um den Brei, während der Corgi unbeweglich im Heu lag.

"Es sind viel zu viele, als dass ich alle verjagen könnte", dachte Anwyl. "Aber schon bald werden sie sich über den Reisbrei des Nissen machen. Und wenn er zu spät kommt und die Schüssel leer vorfindet, wird er unglücklich sein und vielleicht auch wütend, weil er glaubt, dass die Menschen eine leere Schüssel hingestellt haben. Vielleicht wird er so wütend, dass das Leben auf der Farm während eines ganzen Jahres betrüblich und öde sein wird. Das darf nicht geschehen, ich muss etwas unternehmen."

Anwyl nahm den Knochen auf und näherte sich den Ratten. Vielleicht sah sie wild und streitsüchtig aus, aber in Wahrheit hatte sie eine Höllenangst. Die Ratten sprangen vorwärts und zischten, als sie den Corgi entdeckten. Anwyl stand einen Moment still. Dann liess sie den Knochen auf den Holzboden fallen. "Nehmt diesen Knochen anstatt den Brei", sagte sie. "Der ist viel besser." Die Ratten schauten sie an. Ihre gierigen Augen wanderten zwischen dem Knochen und dem Brei hin und her.

"Wir nehmen den Knochen", kreischten sie. "Wir wollen den Knochen haben! Danach nehmen wir den Brei zum Nachtisch", quiekten und lachten sie.

"Gut", sagte Anwyl, "aber wenn ihr den Knochen wollt, müsst ihr ihn zuerst ergattern." Und schnell packte sie den Knochen und zwängte sich durch den Spalt bei der Stalltüre hinaus auf den Hof und lief von dort weiter die Strasse hinunter - gefolgt von der Schar wütender Ratten.


"Stopp! Stopp! Wir wollen den Knochen haben", schrien sie. Anwyl rannte schneller als je zuvor auf ihren kurzen Beinen. Der Vollmond war aufgestanden und beleuchtete die Landschaft und die merkwürdige Prozession, die mit grosser Geschwindigkeit durch die Winternacht zog. Einige der Ratten waren schneller und holten sie ein und bissen sich an ihrem Fell fest, im Versuch sie zu stoppen. Anwyl rannte ganz nahe an den Schneewällen, so dass die Ratten abgestreift wurden und loslassen mussten, aber es waren so viele andere, die sich näherten. "Ich habe kurze Beine", dachte Anwyl, "aber die Beine der Ratten sind noch kürzer." Sie sprang in den tiefen Schnee gefolgt von den Ratten und kämpfte sich in einer Kurve zurück zur Strasse, wobei sie einige Sekunden gewann, aber die Ratten gaben nicht auf. Die Verfolgung auf der Strasse ging weiter.

"Ich bin so müde. Ich kann fast nicht mehr", dachte sie, als sie um eine Kurve spurtete und plötzlich innehielt! Direkt vor ihr standen drei magere und hungrige Füchse. Sie schauten sie ein paar Sekunden an. Dann entdeckten sie den Knochen.

"Gib uns den Knochen", baten sie. "Wir brauchen ihn mehr als du. Bitte, hab Erbarmen." Anwyl überlegte nicht lange: "Frohe Weihnachten", rief sie und warf den saftigen Knochen den Füchsen zu. Dann drehte sie sich abrupt um und rannte in der gleichen Richtung davon, woher sie gekommen war. Sie war kaum aus den Augen der Füchse, bevor sie auf die rasende Rattenmeute traf.

"Dort ist sie", krächzten sie. "Gib uns den Knochen!" Sie erwischten sie am Fell und stiessen und zerrten. "Wo ist der Knochen? Gib ihn her!" "Ihr findet den Knochen nach der Kurve", schrie Anwyl, die strampelnd am Boden lag und sich gegen die Ratten wehrte, die überall auf ihr herum krabbelten. "Aber ihr müsst euch beeilen, es gibt andere, die ihn haben wollen." Die Ratten liessen von ihr ab, rannten davon und verschwanden ausser Sichtweite. Anwyl stand auf, schüttelte sich und lief und lief den ganzen Weg nach Hause zur Farm. Hinter sich hörte sie einen fürchterlichen Radau, als die Ratten und Füchse aneinander gerieten. Sie hielt aber nicht an, um herauszufinden, wie der Kampf verlief. Keuchend gelang es ihr schliesslich, sich durch die Stalltür zu zwängen und völlig erledigt kroch sie ins Heu.

"Wie siehst du denn aus, mein Liebes", krächzte eine bekannte Stimme, "und warum bist du völlig ausser Atem?". Da sass der alte Nisse mit der Reisbreischüssel in den Händen und war guter Laune. Anwyl zögerte etwas, aber dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte, während sie langsam wieder zu Atem kam. Als sie fertig war, herrschte ein Moment lang Stille. Dann sagte der Nisse:


"Ich bin sehr dankbar für das, das du getan hast, denn ich freue mich jeweils ein ganzes Jahr lang auf den Reisbrei. Tatsächlich freue ich mich bereits ab dem Weihnachtstag des vorigen Jahres darauf. Aber das bedeutet ja, dass du kein Weihnachtsessen kriegst und das ist schade - nein, das darf nicht sein. Weisst du was? Dieses Jahr erhielt ich ein Paket von meinem Neffen, der in Belgien wohnt, mit etwas, das er gebackene Gänseleberpastete nennt. Möchtest du etwas davon?" Anwyl, die kurz zuvor so traurig dreingeschaut hatte, hatte sich beruhigt und blickte den Nissen freudig und aufmerksam an und wedelte mit dem Schwanz.

"In seinem beigelegten Brief schreibt mein Neffe, dass es am besten schmeckt, wenn man die Pastete auf eine Scheibe frisches Brot streicht. Etwa so! Aber vielleicht sollte es eine dickere Schicht sein, was meinst du?" Anwyl schaute den Nissen und die Brotscheibe an und nickte feierlich.

"Gut, wir geben eine dickere Schicht drauf. Hier, bitte schön, ich hoffe, es schmeckt dir." Und wie es ihr schmeckte. Anwyl genoss jeden einzelnen Bissen. Und als sie fertig war, erhielt sie noch eine Scheibe und noch eine, und obwohl sie bereits satt war und an ihr Gewicht denken sollte, gelang es ihr nochmals eine halbe Scheibe zu essen. Schliesslich ist nur einmal im Jahr Weihnachten, nicht wahr?


Drei Monate später, in einer schönen Frühlingsnacht, sah sie wieder die Füchse, wie sie im Mondschein auf den Feldern tanzten. Ab und zu hielten sie inne und schauten zu ihr rüber, bevor sie weiter spielten.

Die Ratten aber sah sie nie wieder.

Fröhliche Weihnachten
Bjørn Range, Norwegen
Aus der CorgiPost 4/2018 des norwegischen Welsh Corgi Klubs übersetzt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Alle Illustrationen ©Béatrice Quinio

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15.12.2019