Ein Stern für Poppy
Eine Weihnachtsgeschichte von Patti Gustafson, USA

Es war ein schöner Baum!
Von oben bis unten geschmückt mit Bändern, an denen Äpfel und Kauknochen hingen, und Girlanden aus Hundesnacks und Rübenscheibchen.
Die Corgis waren alle sehr stolz darauf.
Nur etwas fehlte noch - ein Stern, der den Baum zum Strahlen bringen würde. Nach bewährter Corgi Tradition wurde der Jüngste unter ihnen losgeschickt, um einen Stern zu finden, während die Anderen in ausgelassener Feststimmung zu Hause blieben, um mit den Weihnachtsvorbereitungen fortzufahren.

Poppy legte sich zögernd ihren Wollschal um den Hals und verliess das Haus, auf der Suche nach einem Stern. Sie hatte keine klare Vorstellung, wo sie suchen sollte, war aber mit jugendlicher Zuversicht überzeugt, dass sie erfolgreich sein würde.
Draussen war die Luft schwer und feucht, und es war frostig kalt. Poppy war froh über ihren warmen Schal. Der bleierne Himmel hing tief und bedrohlich und der gefrorene Boden war kalt und hart und scheuerte an ihren Pfoten. Vor ihrem Gesicht schwebte eine weisse Atemwolke. Die Landschaft wirkte trostlos und nackt, ohne den weichen und gnädig verhüllenden Mantel des Schnees. Aber irgendwo da draussen befand sich ein prächtiger Stern für den Baum, sie musste ihn nur finden.


Gleich neben dem Gartenpfad bemühte sich ein Eichelhäher, ein Loch in die gefrorene Oberfläche des Vogelbades zu picken. Ihn wollte sie um Hilfe bitten. Vorsichtig setzte sie ihre Vorderpfoten auf den Rand des Vogelbades und brachte ihren Kopf auf Augenhöhe mit dem Vogel, bevor sie ihn höflich ansprach (sie war nämlich gut erzogen).

"Bitte, mein Herr, können Sie mir sagen, wo ich einen Stern für meinen Weihnachtsbaum finden kann?"

Der Eichelhäher schaute von dem Riss auf, den er soeben ins Eis gepickt hatte, legte seinen Kopf schief und betrachtete Poppy mit schlauem Blick, bevor er antwortete: "Sterne? Was weiss ich über Sterne? Ich verwende all meine Zeit, nur um an einen Schluck Wasser zu kommen. Was ist das für ein Narr, der einen Baum mit Sternen haben will? Was wir jetzt alle gut gebrauchen könnten, wäre ein Baum mit Früchten!"

"Unser Baum hat Früchte" antwortete Poppy freundlich, "und Sie können gerne mit mir kommen und die Früchte mit uns teilen. Aber unser Baum hat keinen Stern, der ihn zum Strahlen bringen könnte, und ich soll einen finden".

Der Häher bedankte sich für die liebenswürdige Einladung und versicherte ihr, dass sie mit seiner Hilfe schnell einen Stern finden würden, um ihrem mit Früchten beladenen Baum die Krone aufzusetzen. Dann hüpfte er auf Poppys Rücken und wies ihr den Weg zu den Feldern jenseits des Gartenzauns.

Das Gras auf dem Feld war steif, trocken und braun und sie verschwanden beinahe darin. Es raschelte und stach, während sie sich einen Weg hindurch bahnten. Es sah nicht danach aus, als könnte man hier einen Stern finden. Der Häher kletterte auf Poppys Kopf, um das Feld besser überprüfen zu können.
Kein Stern weit und breit.
Aber aus dem Augenwinkel nahm der Vogel eine Bewegung wahr und sie gingen hin, um nachzusehen.


Da, still und mit angehaltenem Atem, versteckte sich im Gras ein kleines braunes Kaninchen … einzig seine kleine Nase bewegte sich.
Poppy legte sich flach auf den Bauch, Nase an Nase mit dem Häschen, und stellte sich und den Häher höflich vor.
"Wir suchen einen Stern für meinen Weihnachtsbaum", erklärte Poppy, "weisst du vielleicht, wo wir einen finden könnten".

Während geraumer Zeit wackelte die Nase des Kaninchens wie verrückt, was beinahe ein wenig unhöflich wirkte, dann endlich antwortete es ziemlich verlegen: "Es tut mir leid, aber ich habe jede Minute damit verbracht, etwas Essbares zu finden und hatte keine Zeit, nach Sternen Ausschau zu halten. Ich wünsche euch viel Glück bei der Suche".

Poppy bedankte sich für die freundlichen Worte und erwähnte, dass es bei ihr zuhause genügend zu essen gäbe, und lud das Häschen ein, mit ihnen zu kommen. Die Augen des Kaninchens leuchteten auf und seine Nase hörte für einen Moment auf zu wackeln. "Oh, vielen Dank" antwortete es, "wie nett von dir, ich komme gerne".

Alsdann machten sich die drei auf den Weg. Das Kaninchen schlug vor, dass sie, nachdem es den ganzen Vormittag auf dem Feld verbracht hatte, ohne dass es einem Stern begegnet wäre, das kleine Stück Wald auf der anderen Seite des Felds aufsuchen sollten.

Im Wald breiteten sich die dunklen, laublosen Äste furchterregend über ihnen aus, zeigten mit spitzen, knorrigen Fingern auf sie und schienen sie zu verspotten. Die kleine Gruppe bewegte sich vorsichtig vorwärts.
Plötzlich ertönte über ihnen ein angsterfüllter leiser Schrei, ein klägliches Miauen!


Als sie aufschauten, entdeckten sie ein kleines verängstigtes Kätzchen, welches auf dem Baum fest sass.
"Oh, wir müssen ihm helfen!" rief Poppy, "aber wie?"

"Verzeihung", sagte das Kaninchen, "aber ich glaube, wenn du deinen Schal ablegen würdest und der Häher das eine Ende des Schals an dem Ast, auf dem das Kätzchen sitzt, befestigen könnte, während du das andere Ende mit deinen Zähnen greifst, könnte das Kätzchen an dem Schal hinunter klettern".

"Gute Idee, wie klug du bist!" rief Poppy, entledigte sich ihres Schals, reichte das eine Ende dem Häher und hielt das andere Ende mit ihren Zähnen fest. Der Häher flog hinauf und befestigte den Schal an dem Ast, während Poppy die Vorderbeine gegen den Boden stemmte und, mit zum Himmel gestrecktem Hinterteil, den Schal stramm anzog. Unter den Anweisungen des Hähers und dem Zuspruch des Kaninchens, kletterte das Kätzchen an dem Schal hinunter, wo es am Ende auf Poppys Nase fiel!


Poppy leckte vorsichtig das Gesicht des Kätzchens und meinte, dass eine Schale Milch und ein warmes Körbchen das Kleine bald wieder auf die Beine stellen würden. Nachdem der Häher den Schal, der nun ein kleines Loch und Spuren des Baumes aufwies, losgelöst hatte, machten sie sich mit dem Kätzchen in ihrer Mitte auf den Heimweg … ohne Stern!

Falls Poppy daran dachte, dass sie mit ihrer Aufgabe, einen Stern zu finden, gescheitert war, liess sie sich nichts anmerken. Ihre Gedanken drehten sich einzig um das kleine, verwahrloste Kätzchen an ihrer Seite.

Während sie dahin stapften, erhellte sich der Himmel etwas, es fing an zu schneien und alles was vorher hässlich oder etwas bedrohlich gewirkt hatte, erschien nun weicher, heller und wie verzaubert. Das spornte sie an. Bald schon konnten sie durch die weichen, dicken Flocken, die sie einhüllten, das heimelige Licht erkennen, welches durch die Fenster des Hauses strömte.

Falls die daheim gebliebenen Corgis erstaunt waren, als Poppy mit drei Fremden im Schlepptau, aber ohne Stern zurückkehrte, waren sie klug genug, nichts zu sagen, sondern hiessen alle willkommen und machten es ihnen behaglich. (Corgis sind schliesslich bekannt für ihre Höflichkeit und Freundlichkeit!).

Aber das grösste Wunder dieses Tages war, dass der Baum, obwohl er keinen Stern hatte, wie im Glanz von Hundert Sternen erstrahlte! Es waren die Freude, die Wärme und der gute Wille, welche die wahre Weihnachtsstimmung ausmachen, die ihn zum Strahlen brachten. Du brauchst nur Poppy zu fragen!

Und spät in dieser Nacht, als es aufgehört hatte, zu schneien und die Luft still und klar war, leuchtete ein einzelner, heller, strahlender Weihnachtsstern über dem Weiler und der ganzen Welt.


Und ich weiss, dass er lächelte, als sein goldenes Licht durch die Schlafzimmervorhänge drang und auf die schlafende Poppy fiel, die zusammengerollt in ihrem Bettchen lag, mit dem schlafenden Kaninchen und dem Kätzchen am Fussende, und dem Häher, der mit dem Kopf unter dem Flügel oben auf dem Kopfteil sass.
Ich sah den Stern lächeln und hörte, wie er sagte: "Ich bin Poppys Stern…"

Aus der PWCAA Newsletter December 1996
Übersetzung: Ano mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Illustrationen: ©Béatrice Quinio

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25.11.2014