Der Tag an dem ich blaues Blut schmeckte
Geständnisse eines königlichen Corgis

Es machte grosse Schlagzeilen in der Presse, als Königin Elizabeth II von einem ihrer geliebten Corgis gebissen wurde und mit drei Stichen genäht werden musste. Alle suchten nach einer Erklärung und so sandten wir unseren Mann zum Buckingham Palast für ein Interview mit dem königlichen Corgi. Hier folgt der Bericht des Missetäters, so wie er Hunter Davies exklusiv verkauft wurde:

Das wird dich teuer zu stehen kommen. Niemand konnte bisher in Erfahrung bringen, wie es dazu kam, dass die Königin so arg gebissen wurde. Oh, ich habe viele Angebote erhalten, wenn ich verraten würde, wer es war. Die Paparazzis übernachten immer noch auf den Mauern von Buck House. Ein Ekel namens James Whitaker schickt mir jeden Tag Dosen von Purina. Wie dumm kann man sein. Das zeigt wieder einmal das Niveau dieser selbsternannten königlichen Experten. Ich habe noch nie in meinem Leben Dosenfutter gefressen. Kein königlicher Corgi hat das jemals getan. Nur schon der Gedanke.

Hör mal, mein Freund. Wenn ich dir alles erzähle, und ich meine wirklich alles Mann, dann will ich nicht mit gemeinen Hundebiskuits abgespeist werden, wenn du verstehst, was ich meine. Die Medien wissen immer noch nicht, wer es war. Man sollte meinen, dass die Times einen guten Draht zum Hof hat, aber sie waren nicht imstande, den wahren Täter ausfindig zu machen. Schau, hier in meinem Album, das war ihre Schlagzeile am Tag danach: "Windsor Sieben als Hauptverdächtige in der königlichen Beisserei". Lächerlich. "Die Identität des Attentäters wird nicht verraten".

Wenn ich dir also verrate, wer es war, hast du einen Knüller von Weltformat. Als Zugabe werde ich dir auch meine Lebensgeschichte erzählen. Sagen wir also eine sechsstellige Zahl und glaube nun nicht, es handle sich um Büchsen mit Hundefutter, du Trottel.

Was in einigen der Zeitungsausschnitte in meinem Album steht, ist der reinste Unsinn. Ich verabscheue die "Sun" und die anderen Boulevardblätter. Ich habe gesehen, was sie im Laufe der Jahre über uns geschrieben haben. Erinnerst du dich an das Foto von Prinz Charles, wo er eine Blondine küsst? Es wird angedeutet - zwinker, zwinker - dass er nichts Gutes im Schilde führte. Wir alle wissen, dass es eine Freundin der Familie war, deren Tochter im Sterben lag. Er versuchte sie zu trösten, nicht anzubaggern. Einfach geschmacklos.

Sie haben es auch mit mir versucht. Es gibt da dieses Foto, wo ich mein Bein hebe, als wollte ich die Königin anpieseln. In Tat und Wahrheit wurden mir die Krallen geschnitten, aber sie retouchierten den Tierarzt weg und rückten die Königin näher. So eine Frechheit. Ich traue ihnen alles zu.

Du solltest die sogenannt witzigen Sprüche lesen, die sie mir ins Maul legen, wie z.B. "Ich fühle mich hundsmiserabel" sagt königlicher Corgi. "Was für ein Hundewetter". Oder sie fotografieren mich, wenn ich schlafe und schreiben dazu "hundemüde". Blöder geht's nicht mehr. Darum rede ich auch nicht mehr mit ihnen, obwohl sie dauernd hinter mir her hecheln.

Aber das hindert sie natürlich nicht daran, mich weiterhin zu zitieren. Noch schlimmer ist es, wenn sie behaupten, es stamme von einem "engen Freund der königlichen Corgis", oder "einer üblicherweise verlässlichen Corgi-Quelle". Als ob einer unserer Freunde jemals etwas an diese Typen durchsickern lassen würde.

Wie auch immer, von jetzt an beschränke ich meine Medienauftritte auf das Fernsehen. Du weisst wohl, dass BBC gerade in diesem Moment einen Film über mich dreht? Sie sagen, es sei ein Dokumentarfilm über ein Jahr im Leben der Königin, oder so 'nen Scheiss, der an Weihnachten gezeigt werden soll, aber du weisst schon, wer der Star sein wird. Darüber besteht kein Zweifel. Moi!

Also gut. Ich akzeptiere 50 Riesen. Weil du es bist. Und eine lebenslange Lieferung von Zuckerwürfeln. Nimm dir einen Korb und setz dich zu mir.


Du musst wissen, dass die Königin uns Corgis über alles liebt. Sie nahm Susan mit auf ihre Hochzeitsreise. Naja, möchtest du etwa den ganzen Tag allein mit Prinz Philip verbringen? Halt, streiche das bitte wieder. Ich will nicht über ihn lästern. Es war nur ein Witz. Susan war meine - lass mich sehen - Urgrossmutter, nicht in direkter Linie, es gab da gewisse Seitensprünge, aber damit wollen wir uns jetzt nicht beschäftigen. Ich möchte nicht, dass die anderen Corgis erfahren, dass ich nicht rein königlicher Abstammung bin.

Mein Urgrossvater war Billy. Ihn liebte sie über alles. Sie unterbrach sogar einmal ein Weihnachtsessen in Sandringham, um nach Windsor zu eilen, nur weil er krank geworden war. Er musste schliesslich eingeschläfert werden. Sie trauerte während Wochen und trug ein schwarzes Kopftuch, wenn sie uns ausführte.


Es war die Königinmutter, die alles startete, als sie der Königin den ersten Corgi, Dookie, schenkte, als diese ungefähr 7 Jahre alt war. Das ist jetzt fast 60 Jahre her. Und damit begannen die Probleme. Es bildeten sich zwei Corgi-Lager - dasjenige der Königin und das der Königinmutter. Die Buck House Bande, die anzuführen ich nun die Ehre habe, gegen die Clarence House Clique. Jedes Mal wenn wir auf einander treffen, gibt es eine Rauferei. Ich und die Buck House Jungs haben uns geschworen, dass wir uns nichts gefallen lassen, wenn wir einem von dem Pack begegnen.

Normalerweise begegnen wir uns sehr selten. Unser Revier ist hier, im Buck House, und hier bestimmen wir. Wir leben hier nach unseren eigenen Regeln.

Wie alle königlichen Corgis werden wir jeden Morgen um 7 Uhr von einem Lakai aus dem "Corgi Zimmer" geholt (einem umfunktionierter Abstellraum, wo wir in unseren Weidenkörben übernachten), d.h. alle ausser mir. Das weiss jedoch niemand, aber ich denke, ich kann mich auf dich verlassen, dass du Diskretion walten lässt. Ich bin mir bewusst, dass falls ich meine Geschichte an eine dieser widerlichen, schmuddeligen Sonntagsblätter verkaufen würde, sie diesen Umstand sofort zu einer Sensation aufbauschen würden. Ich halte mich nämlich meistens im Schlafzimmer der Königin auf.


Das kam so. Ich fand heraus, dass Ranger drüben im Clarry House im Schlafzimmer der Königinmutter schläft. Das konnte ich natürlich nicht haben. Wie könnte ich sonst den Kopf hoch halten, und mich als Anführer bezeichnen? Einige der Jungs begannen, mich aufzuziehen, und ich musste sie recht unsanft in die Schranken weisen. Und eines Abends weigerte ich mich schlicht, meinen Platz zu verlassen. Es war eine Art Sitzstreik. Einige Bettlaken gingen drauf, ein paar Stühle wurden zerschlissen, etwas Blut spritzte auf den Teppich, eigentlich nichts Besonderes, aber ich demonstrierte, dass ich es ernst meinte. Falls sie mich rausschmiss, dann meinetwegen. Dann konnte sie einen anderen Anführer finden. Aber sie verstand. In meinem Innersten wusste ich, dass sie wünschte, dass ich bei ihr bleiben sollte, als Gesellschaft und um sie aufzumuntern.


Wenn wir keine Pläne gegen die Clarry House Clique schmieden, lassen wir unseren Unmut an den Lakaien aus. Das sind blöde Kerle, vor allem derjenige, der uns für unseren Morgenspaziergang holt und uns durch den Garten zerrt. Richtigstellung: den wir durch den Garten zerren. Wir werden an 50 m-Leinen ausgeführt. Sie scheinen der Auffassung zu sein, dass sie uns nur so kontrollieren können. Wenn ich das Signal gebe, rennen wir alle sieben in verschiedene Richtungen. Du solltest die panische Reaktion des Lakaien sehen. Er verheddert sich in den Leinen, fällt hin und wir fallen über ihn her. Ein Lakai hält im Durchschnitt nur sieben Tage.

Den Rest des Vormittags halte ich mich üblicherweise in ihrem Arbeitszimmer auf, während sie eine endlose Schlange von Leuten begrüsst. Ich weiss, wie ich die Langweiler dazu bringen kann, sich etwas zu beeilen. Ein schneller Kniff in die Fersen und man ist sie los. Prinzessin Michael ist als nächste dran. Ihre Einstellung Corgis gegenüber ist ausgesprochen respektlos.

Lady Di mag ich recht gut, nur nicht ihre grässliche Musik. Die geht mir auf den Keks. Prinz Charles meint es gut, er spricht mit uns und hört nicht mehr auf. Er weiss nicht, dass wir nur an Schoko-Drops für Hunde interessiert sind, und nicht an endlosem Geschwafel. Philip bekommen wir kaum zu sehen. Er hält sich in seinen eigenen Räumen auf.


Der Höhepunkt des Tages ist der Spaziergang am Nachmittag. Normalerweise führt die Königin uns selbst aus. Wenn sie ihr altes Kopftuch anzieht, weiss die ganze Bande, was es bedeutet und wir beginnen sofort ganz aufgeregt herum zu springen. Wenn sie hingegen mit der Tiara auf dem Kopf erscheint, wird nichts daraus. Es bedeutet, dass sie arbeiten muss. Langweilig, langweilig.

Später, punkt 5 Uhr, füttert sie uns, indem sie das Futter mit einem silbernen Löffel mischt. Ich bevorzuge jederzeit rotes Fleisch.

Das ist also unser normaler Tagesablauf, aber wir reisen auch viel. Mit der Britannia macht es am meisten Spass. Wir drehen völlig durch, sobald wir an Bord sind und jeder versucht, das grösste Chaos anzurichten.

Ich leide an Flugangst. Ich werde nervös, es wird mir schlecht und ich kriege Migräne. Zum Glück fliegen wir nur selten und nur innerhalb Grossbritannien. Wegen den Karantänebestimmungen oder etwas in dieser Richtung.

Hingegen sind wir unglaublich viel mit dem Auto unterwegs, zu viel für unseren Geschmack. Aus diesem Grund zerstörten wir das letzte Jahr den Land-Rover. Wir sassen alle sieben stundenlang hinten im Auto, während sie langweiliges Hochland-Vieh besichtigte. Also machten wir uns an die Arbeit und zerfetzten sämtliche Sitze. Das war ein Riesenspass. Falls ich als Mensch wiedergeboren werde, will ich ein Fussball-Hooligan sein.

So! Wenn du deinen Kugelschreiber parat hast, gebe ich dir die Namen der Buck House Bande durch. Da haben wir also mich, den Anführer, wie ich dir bereits erklärt habe, Spark, genannt Sparky. Genau genommen bin ich Waliser. Mark Hughes von Manchester United wurde nach mir genannt. Das wissen die wenigsten. Er ist auch Waliser, aus Wrexham. Wir haben etwas mehr Klasse und stammen aus Pembroke. Früher arbeiteten wir als Viehtreiber. Des Weiteren sind da Myth, Fable, Diamond und Kelpie. Fünf, ja. Korrekt. Du kannst also zählen. Fünf Namen. Das ist alles, was du wissen musst.

Ja, ich weiss, "die sieben Zwerge von Windsor". Das ist einer ihrer dummen Witze. Also gut: Die zwei anderen in unserer Bande sind eigentlich nur Mitläufer und heissen Phoenix und Pharos.

Ich kann es geradeso gut erklären, denn es hat etwas mit der "grossen Rauferei" zu tun.

Du musst wissen, sie sind nur halbe Corgis, eine Kreuzung zwischen einem Dackel und einem Corgi. Darum werden sie "Dorgis" genannt. Aber was soll man mit denen. Wenn wir sie ärgern wollen, singen wir "Was kostet der Dorgi dort im Fenster".


Wir haben inzwischen zu einer Art Arbeitsgemeinschaft zusammen gefunden, aber von Zeit zu Zeit wird einer etwas vorlaut und dann gibt's Streit. Ich werde das gleich erklären. Meistens jedoch arbeiten wir als Team gegen den gemeinsamen Feind, wie z.B. die Gardisten. Natürlich haben wir nichts gegen sie. Es ist für uns einfach eine Art Sport; wir üben uns für den Ernstfall.

Wenn es sich aber um andere Hunde handelt, ist das etwas anderes, da packen wir zu, wann immer es geht. Angriff ist die beste Verteidigung, lautet mein Motto. Ich war noch ein Welpe, als wir Heather, eine der Clarry Clique, erwischten. Du findest sie zwischen den Zeitungsausschnitten. Man musste ihr ein Bein amputieren. Geschah ihr recht, der Zicke.

Vor zwei Jahren haben sie sich allerdings gerächt. Sie erwischten Chipper, den damaligen Liebling der Königin. Ich versuchte zu helfen, aber es war zu spät. Sie hatten sie in die Enge getrieben und umgebracht. Sie war mausetot. Damals wurde ich zum Anführer unseres Rudels.

Wir haben alle Rache geschworen, aber bis zu diesem März liess man uns nicht mehr in ihre Nähe. Aber dann war diese Fete in Windsor. Die Königin organisierte ein Familientreffen, was ihr grossen Spass bereitet.

Dabei geht es um Gesellschaftsspiele aller Art wie Scharaden, verdrehte Stimmen, Maskeraden. Es kann ziemlich laut zu und her gehen und eine meiner Migränen auslösen, besonders wenn Fergie und Andy dabei sind. Falls sie jemals als Hunde wiedergeboren werden sollten, wären sie bei uns nicht willkommen, so wie die beiden sich aufführen.

Halt. Jetzt erinnere ich mich wieder. Es hatte etwas mit Prinz Edward zu tun. Ein guter Kerl, dieser Eddie, er hat etwas mehr Stil. Er hat im März Geburtstag, glaube ich jedenfalls; ich kann mir einfach keine Daten merken. Da musst du schon Pharos fragen. Er hat ein gutes Gedächtnis, er weiss einfach alles.


Die Königinmutter war natürlich auch dabei und während sie sich vollstopften und ihre doofen Familienspiele aufführten, wurden wir alle zusammen von einem Lakai ausgeführt. Sie sind alle etwas dämlich, diese Windsor Lakaien, einfältige Provinzler, ohne jegliche Erfahrung.

Die Jungs warteten auf mein Signal. Aber gerade als ich das Zeichen für den Angriff auf Ranger geben wollte, begannen Myth und Pharos sich zu schubsen, nichts Ernstes, sie alberten einfach herum. Ich weiss auch nicht warum. Irgendetwas mit einem Graffiti, das jemand auf Pharos' Box gekritzelt hatte: "Pharos is a fairy!" (Pharos ist eine Tunte!)

Jedenfalls schienen sie sich wieder beruhigt zu haben, und so nickte ich und wir rannten allesamt auf Ranger los, aber genau in diesem Augenblick gab Pharos zurück und behauptete, dass Myth eigentlich Miss heissen sollte, dass aber der Tierarzt mit der Zunge anstiess. Nun warf sich der Rest unserer Bande auf Pharos, denn eine solche Frechheit lassen wir uns von einem Dorgi nicht bieten, und so lagen wir uns gegenseitig in den Haaren, anstatt uns alle auf Ranger zu stürzen.

Plötzlich kam diese Frau mit den langen blonden Haaren herbei gerannt und versuchte, uns zu trennen, worauf ich in ihre Hand biss. Sie schrie auf und verlor ihre blonde Perücke. Shit!! Es ist die Königin! Und ich dachte, es sei Prinzessin Michael. Sie hatte sich diese Perücke für eines ihrer doofen Spiele aufgesetzt, "Rate, wer ich bin", oder so was.

Ich bin also der Schuldige. Aber es war ein Unfall. Ehrlich. Ich meine, würde ich die Hand beissen, die mich füttert? Würde ich die Person beissen, die mich braucht?


Königin Elizabeth mit Sparky

Sie braucht mich wirklich, musst du wissen. Wir Corgis sorgen dafür, dass sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen kann. Das verriet mir der Seelenklempner, zu dem sie mich einmal brachte. Dann machte er einen seiner Witze, denn er erkannte wie nahe die Königin und ich uns stehen. Corgi und Bess, nannte er uns. Nicht schlecht für einen Seelenklempner.

Aus You Magazine (The Mail on Sunday)
21.04.1991
Übersetzung ANo

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28.06.2011