Der Corgi anno 1945

In der 1/2012 Ausgabe des schwedischen Corgi Klub-Blatts ist ein Artikel abgedruckt, der 1945 in der Zeitschrift Hundar och Hundsport des schwedischen Kennel Klubs erschien. Der Artikel stammt von einer Pembroke Züchterin. Ich fand ihn interessant trotz einigen etwas sonderbaren Ansichten. Lesen Sie selbst.

Der Welsh Corgi
Ausstellungs- und Arbeitshund

von Huldine V. Beamish, Majliden, Gnesta


CH. Teekay Felcourt Supremacy

Es ist heute allgemein bekannt, dass der Welsh Corgi von einer uralten Rasse abstammt, die in unveränderter Form - wahrscheinlich während Jahrhunderten - fast überall auf den Bauernhöfen in Wales lebte. Es ist jedoch erst seit relativ kurzer Zeit, dass die Rasse vom Englischen Kennel Club anerkannt wurde und die beiden Varietäten - Cardigan und Pembroke - einen Rassestandard erhielten, ordentlich registriert und auf Ausstellungen zugelassen wurden. Seither wurde die Rasse bei den Engländern ausserordentlich populär, denn sie passt in jedes Heim; der Corgi fühlt sich ebenso wohl in einem Haus auf dem Land wie in einer Stadtwohnung.

Der Cardigan ist lange nicht so populär und zahlreich wie der Pembroke und im Körperbau sind die beiden Schläge ganz unterschiedlich. Persönlich finde ich den Cardigan hässlich. Der Körper ist viel zu lang, Kopf und Front sind plump und obendrein hat er eine lange Rute, die den bereits allzu langen Körper noch länger erscheinen lässt. Der Pembroke hingegen ist ein kompakter Hund mit regelmässigem, fuchsähnlichem Kopf, gerader Front, und leichtem und freiem Gang.


Pembroke Corgis aus dem Zwinger Rhinog
aus Leslie Perrins: Keeping a Corgi. 1958

Um sich ein Bild von der unglaublichen Schnelligkeit und Wendigkeit eines Pembrokes machen zu können, muss man sie in Bewegung sehen. Diese kleinen Hunde können es bei Wettrennen mit vielen grösseren Hunden aufnehmen. Der Cardigan ist oft merle-farben, d.h. das Fell ist bläulich-grau mit schwarzen Flecken, und meist ist eines oder beide Augen blau (sogenannte "Glasaugen"). Merle ist eine Farbe, die oft bei Collies vorkommt. Beim Corgi ist diese Farbe vielleicht ein Erbe aus einer weit zurück liegenden Kreuzung mit Collies. Ich habe jedoch nur einen einzigen merle-farbenen Pembroke gesehen, und da es kein besonders gutes Exemplar war, wurde er nicht für die Zucht eingesetzt.

Heute ist auch allgemein bekannt, dass der Corgi ein Treibhund ist, und dass er seine eigene spezielle Methode hat, um das Vieh in Bewegung zu halten: er kneift es in die Fersen. Ein geübter Arbeitshund geht dabei so schnell vor, dass er immer entwischt, falls eine Kuh ausschlagen sollte. In den wilden Felsregionen von Wales mit ihren Vorsprüngen und steilen Hängen kommt die Behändigkeit des Corgis sehr gelegen, und ich habe nie einen Hund gesehen, der sich in diesem felsenreichen Terrain mit einer solchen Leichtigkeit bewegt wie der Corgi. Meine Corgis rennen buchstäblich die Felsen im Westen Schottlands hinunter, fast mit der gleichen natürlichen Leichtheit wie fliessendes Wasser.

Der Corgi hat einen eigenen, speziellen Charakter, der für die Rasse typisch ist. Er ist seinem Meister unglaublich anhänglich, ja man kann sagen, ergeben, aber auch sehr selbständig - ein Hund, der geführt werden muss, niemals getrieben oder gezwungen. Er wird schnell gekränkt, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, ungefähr wie ein verletzlicher Mensch. Einen jungen Corgi an die Leine zu gewöhnen, ist eine mühsame Sache sowohl für den Erzieher wie für den Welpen. Zu Beginn schaut er einem mit einem äusserst komischen Ausdruck an, der deutlich zu verstehen gibt, dass er zu tiefst erstaunt und entsetzt ist, dass sein Besitzer so grausam sein kann. Nach einer Weile schliesst er in der Regel die Augen mit einem leidenden Ausdruck und ich hatte Welpen, die über eine Stunde lang geschmollt haben, mit geschlossenen Augen und verletzter Miene, lange nachdem die Leine entfernt worden war. Andere kämpfen vielleicht wie wild. Wenn man jedoch mit der Erziehung beharrlich fortfährt, sehen sie bald ein, dass niemand ihnen etwas antun will. Ich betrachte das als Zeichen, dass er noch etwas vom Urhund in sich hat: er möchte gerne des Menschen Begleiter sein, kann sich aber nicht mit physischem Zwang abfinden. Arbeitscollies sind manchmal auch so. Eine andere erbliche Eigenschaft der Rasse kommt sogar bei Welpen von Ausstellungshunden immer noch vor: sie kneifen ihren Meister gerne, aber vorsichtig in die Fesseln.


Rozavel Pembroke Corgis - Foto 1937

Es kommt ab und zu vor, dass ein Pembroke den einen oder anderen langhaarigen Welpen zur Welt bringt, wahrscheinlich ein Überbleibsel eines uralten Erbes. Züchter von Ausstellungs-Corgis sind darüber nicht besonders erfreut, obwohl die sogenannten "Fluffies" oft die Besten des Wurfs sind und ihrerseits kurzhaarige Nachkommen erzeugen. Persönlich ziehe ich die langhaarigen Corgis vor. Ich brauche sie nämlich für die Jagd und finde, dass ihr Fell den besten Schutz gegen das englische Dornengestrüpp gibt. Kurz vor Ausbruch des Krieges hatte ich gehofft, einige der englischen Ausstellungskomitees dazu zu bringen, Spezialklassen für langhaarige Corgis einzuführen, wie man es für Langhaardackel gemacht hat. Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum man langhaarige Corgis nicht zulassen sollte, da verschiedene Haarvarianten bei vielen anderen Rassen vorkommen, z.B. Foxterrier, Dackel, Collie usw.

Corgis können alle Fellfarben haben mit Ausnahme von Weiss oder Weiss als dominierende Farbe. Die aktuellste und beliebteste Farbe ist ein warmes Rot mit weissen Abzeichen, wozu in der Regel zwei oder vier weisse Pfoten gehören. Vielen Leuten gefällt Schwarzrot (black and tan). Der Corgi ist einer der reinlichsten Haushunde und wäscht und putzt sich ähnlich wie eine Katze. Er begnügt sich jedoch nicht damit, sondern wäscht auch Gesicht und Fell seiner vierbeinigen Freunde, wenn sie nass oder verschmutzt sind. Er ist vielleicht der friedfertigste aller Hunde und gibt sich immer grosse Mühe, seine Hundefreunde zu unterhalten und ihnen zu behagen.

Obwohl die Hundezucht und Hundeausstellungen in England während des Krieges stark reduziert waren, gelang es dem Corgi nicht nur zu überleben sondern sich zahlen- und qualitätsmässig zu verbessern. Seine Popularität wächst von Jahr zu Jahr sowohl als Ausstellungs-, Arbeits- und Gesellschaftshund. Auf einer Ausstellung in den Midlands im letzten Sommer sah ich eine junge Corgihündin (nur 9 Monate alt), die 4 Klassen für verschiedene Rassen (Variety Classes) gewann und das obwohl die Klassen gross und die Mitkonkurrenten bedeutend älter waren. Es ist daher verständlich, dass diese wunderschöne kleine Hündin von den Zuschauern applaudiert wurde.

Bei Ausstellungshunden besteht immer die Gefahr für Veränderungen des Typs und Körperbaus, weil die "Experten" anfangen, den Standard zu verändern und zu "verbessern", so dass der ursprüngliche und natürliche Körperbau übertrieben und verschlechtert wird. Nach meiner bescheidenen Meinung besteht unter den Corgi-Züchtern zurzeit eine Tendenz, einen allzu tiefen und langen Körper anzustreben, worunter die korrekten Proportionen leiden. Aber die Züchter sind auch fest entschlossen, jegliche Tendenz zu einer Verkleinerung der Rasse zu vermeiden, ein Fehler der sich bei allen Rassen leicht einschleicht. Sie sind auch - und das zu Recht - bestrebt, die erwünschte gerade Front beizubehalten, die bei den kurzbeinigen Rassen so schwierig zu züchten ist.

Ich habe inzwischen mehrere Generationen von Corgis für die Jagd eingesetzt, aber das ist mein privates Hobby, genau wie ich deutsche Schäferhunde züchte und zum gleichen Zweck gebrauche. Die Corgis dienen als Spaniels und die Schäferhunde als Retriever. Diese beiden so unterschiedlichen Hütehunderassen ergänzen sich erstaunlich gut. Ich finde, der Geruchssinn der Corgis ist gut, obwohl wahrscheinlich 50 Prozent von ihnen kein Talent oder Lust auf Jagd haben. Corgis verhalten sich merkwürdig, wenn man sie für die Jagd abrichten will. Sie lassen sich nämlich nicht dazu dressieren, bevor sie nicht selbst darauf gekommen sind. Das kann ganz plötzlich im Alter von sieben oder acht Monaten geschehen. Nicht wenige meiner Corgis waren wirklich gute Apportierhunde für Vögel und kleineres Wild. Sie eignen sich auch besonders gut, wenn es um angeschossenes Vogelwild geht. Dank ihrer geringen Grösse konnten sie das Wild im Dickicht finden und es in angemessener Zeit bringen. Ein anderer Vorteil ist, dass sie am liebsten zusammen mit ihrem Besitzer jagen, so dass sie nicht so leicht abhanden kommen. Die Erwachsenen sind sehr leicht zu dirigieren und nach abgeschlossenem Training kann ich sie normalerweise dazu bringen, das Wild auf Kommando abzugeben.

Überhaupt kann ich mir keinen besseren kleinen Hund vorstellen als den Corgi. Sein Anpassungsvermögen mit Bezug auf eine jede Art von Arbeit ist gross, sei es als Hütehund von Vieh oder Schafen, als Jagdhund oder einfach als Gesellschaftshund. Er ist ein guter Wachhund und hat das starke Verantwortungsgefühl des Schäferhundes gegenüber seinem Besitzer und dessen Eigentum.

Als Züchterin und Besitzerin von Corgis habe ich ein besonderes Interesse an der Ähnlichkeit dieser Rasse mit dem schwedischen Västgötaspets und es drängt sich mir der Gedanke auf, dass diese beiden Rassen miteinander verwandt sein müssen. Nachdem mein Artikel zu diesem Thema in "The Field"* erschienen ist, habe ich ein anonymes Schreiben mit folgendem Inhalt erhalten:


CH. Teekay Diamond - Foto 1948

Västgötaspets - Foto 1942

"Die in The Field erwähnte Ähnlichkeit zwischen Corgi und Västgötaspets ist äusserst verblüffend, speziell mit Bezug auf eine Verwandtschaft von zwei Rassen, die in weit von einander entfernten Ländern leben. Ist es nicht möglich, dass es zwischen den beiden eine frühere Verbindung gibt als die genannte Abstammung von Spitzhunden? Ist es denkbar, dass der Corgi ein Nachkomme von Hunden ist, die von den schwedischen Wikingern in die südwestliche Ecke von Wales gebracht wurden, so wie diese ihre Spuren auch in Ortsnamen und Nachkommen hinterliessen?"

Älteste englische Natur- und Jagd-Zeitschrift der Welt!

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Die Autorin, die übrigens mehrere Hundebücher geschrieben hat, schien vom Cardigan nicht viel zu halten, sonst hätte sie wohl kaum so abschätzig über ihn geschrieben.
Am erstaunlichsten aber finde ich ihre Bemerkung über die langhaarigen Corgis. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Fluffy für die Jagd im Dornengestrüpp besser geeignet sein sollte, denn wer einmal einen Fluffy gehabt hat, weiss, wie sehr sich kleine Zweige, Kletten, Samen usw. im Fell verfangen. Abgesehen davon ist Langhaar auch nicht wetterfest.
Dass Fluffies - es gibt sie nicht nur bei den Pembrokes sondern auch bei den Cardigans - kurzhaarige Nachkommen bekommen, ist nicht ganz korrekt, es sei denn, der Partner hat keine Erbanlage für Langhaar. In diesem Fall haben die Nachkommen normales Haarkleid sind aber allesamt Träger des Langhaargens. Falls der Partner normales Haar hat, aber Träger des Gens ist, ist das Risiko gross, dass ein Teil der Welpen mit langem Haar auf die Welt kommt, während der Rest Träger des Gens ist.
Fluffy_DNATest_d.pdf
ANo

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www.welshcorgi-news.ch
07.04.2012