Leih mir deine Ohren! - Folge 1
Von Joan B. Guertin*

Die Türglocke läutet. Der Timer des Backofens oder der Mikrowelle piepst. Das Baby weint. Der Rauchalarm wird um Mitternacht aktiviert. Das Telefon klingelt. Der Teekessel pfeift. Der Gatte kommt nach Hause und ruft: "Hallo Schatz, ich bin da!" Für uns Hörende alles normale Geräusche im Alltag. Aber für Gehörlose oder Hörbehinderte sind es Geräusche, die sie entweder nie gehört haben oder nie mehr hören werden. Für viele dieser Betroffenen gibt es eine Alternative. Genau wie Blindenführerhunde zu den Augen der Blinden werden, gibt es Hunde, die Menschen mit einer Hörbehinderung ihre Ohren leihen.

Diese sogenannten Signalhunde (oder Hörhunde) werden nicht so schnell als solche erkannt wie ein Hund, der seinen blinden Besitzer führt oder ein Assistenzhund, der einem Behinderten im Rollstuhl zur Seite steht. Auch ist eine Hörbehinderung nicht unmittelbar erkennbar. Hund und Besitzer können ein "Team" sein, ohne aufzufallen. Und weil es sich bei den Signalhunden gerne um kleinere Hunde handelt, fällt es Aussenstehenden oft schwer, zu verstehen, welch grosse Hilfe der Hund für seinen Besitzer bedeutet.

Bevor ich erkläre, zu was diese Hunde fähig sind, möchte ich euch zwei Frauen vorstellen, die auf den entgegengesetzten Seiten Amerikas wohnen und zwei Dinge gemeinsam haben. Beide hatten während 9 Jahren einen Pembroke Corgi als Signalhund und jede kann etwas erzählen. Jackie LaMarche lebt in Massachusetts. Ihre Geschichte folgt nachstehend. Sondra Douglas hat ihr Zuhause in Nordkalifornien und ihre Erlebnisse folgen im zweiten Teil.

Jackie und Lass
Die Bekanntschaft von Jackie machte ich durch Marian Johnson Your, Redakteurin der PWCCA Newsletter. Marian war die Züchterin von Lass. Im Alter von 15 Monaten wurde bei Lass ein Rückbiss festgestellt. Ihre damalige Mitbesitzerin Mary-Elizabeth Simpson, die ebenfalls hörbehindert war, wusste, dass Lass sich als Signalhund eignen würde und schenkte sie dem Red Acre Farm Hearing Dog Center in Stow, Massachusetts. Leider kämpfte das Center damals mit finanziellen Problemen, und Lass war der zweitletzte Hund, der die Ausbildung zum Signalhund abschloss, bevor das Center seine Dienste einstellte.

Jackie und Lass trafen sich im März 1993, um zu sehen, ob sie zu einander passten. Jackie erinnert sich, dass sie Lass trotz ihrem rasierten Bauch und Popo unglaublich süss fand. Lass war kurz zuvor sterilisiert und ihre Analdrüsen entfernt worden. Da sich die beiden sympathisch waren, begann Lass ihre Ausbildung mit Angela Nickerson von der Red Acres Farm. Lass wurde auf den Feuermelder, das Klopfen an der Türe, Türglocke und Telefon trainiert und im Mai 1993 zog Lass bei Jackie ein.


Tri-umph's Travlin' Lass als Hörhund bei der Arbeit

Lass erfüllte die Erwartungen und wurde zu Jackies Ohren. Da Jackie ihr Gehör erst im Alter von 22 Jahren verlor, konnte sie mit Lass sowohl mit verbalen Kommandos als auch mit Handzeichen arbeiten, obwohl viele Signalhunde in der amerikanischen Zeichensprache trainiert werden. Schon bald waren Jackie und Lass ein Team. Lass tat sich in Obedience hervor und wurde zusätzlich zum Therapiehund ausgebildet. In dieser Eigenschaft besuchte das Paar Pflegeheime während vielen Jahren.

Lass war nicht der einzige Signalhund in Jackies Familie. Jackies älterer Bruder Chris hatte ebenfalls einen Signalhund und so war Jackie vertraut mit dem Training und wie ein Hund den Gehörlosen im Alltag helfen kann.

Ich fragte Jackie, welche Bedeutung Lass in ihrem Leben hatte. Sie meinte, es sei schrittweise geschehen. Zuerst half Lass ihr, die Unabhängigkeit zurück zu gewinnen, die sie verlor, als sie mit 22 Jahren taub wurde. Es war eine unglaubliche Erleichterung, sich keine Gedanken um den Feuermelder, die Türglocke oder das Telefon machen zu müssen. Jackie beschrieb auch, wie Lass ihr half mit Leuten in Kontakt zu kommen. Weil sie so charmant und lieb war, wollten sich die Leute mit Jackie über sie unterhalten. Und so wurde es für Jackie auch leichter, mit fremden Leuten zu sprechen, denn "es sei für Gehörlose stressig, sich mit unbekannten Leuten zu unterhalten, weil man sich so anstrengen muss, das Gespräch zu verstehen". Mit Lass an ihrer Seite fiel es Jackie viel leichter.

Ich wollte auch wissen, ob Lass neben ihrem anfänglichen Training auch andere Fähigkeiten gelernt hatte. Jackie erklärte, dass sie allergisch auf Hunde getestet worden war, und der Arzt ihr abgeraten hatte, den Hund aufs Bett zu lassen. Jackie war der Meinung, dass es keine Rolle spielte, da der Hund sowieso mit ihr im Haus war und so trainierte sie Lass mit Hilfe eines Quietschballs und Leckerlis, sie zu wecken. Als echter Corgi würde Lass ALLES tun für Leckerlis. Sie genoss es besonders, an den Wochenenden etwas länger unter der Decke zu kuscheln.


Lass "im Dienst" in Jackies Büro

Lass begleitete Jackie fast überall hin. Auf der Arbeit war sie so populär, dass Jackies Chef sie als Vize-Präsidentin der Personalabteilung bezeichnete. Alle im Büro liebten sie und sie machte im Büro auf den Feuermelder, das Telefon und Klopfen an der Türe aufmerksam, genau wie zu Hause.

Lass war auch sehr aktiv als Therapiehund. Mit Jackie besuchte sie regelmässig einmal im Monat ein Pflegeheim, wo sich die Patienten auf ihren Besuch freuten. Eine Patientin, die selten ein Wort sprach, reagierte so gut auf Lass und begann zu kommunizieren, dass das Personal von ihren Fortschritten ganz begeistert war.

Lass war auch sehr beliebt bei den Kindern der Kinderabteilung des Baystate Medical Center. Laut Jackie liess sie sich von Rollstühlen und Infusionsstativen nicht aus der Fassung bringen. Als Schutz gegen die Haare legte Jackie jeweils eine Wegwerf-Unterlage auf das Bett der kleinen Patienten, bevor sie Lass darauf setzte. Einmal ging Lass direkt auf ein kleines Mädchen zu und begann es rund um ihre Atemschutzmaske zu küssen. Das Mädchen lachte so sehr, dass es sich ganz zusammenrollte, und alle anderen begannen ebenfalls zu lachen, weil Lass sich drehte und wendete, um ihr Gesicht zu finden.

Lass war Jackies erster Corgi und als sie ihre Schwester fragte, wie ein Corgi aussieht, erhielt sie zur Antwort, sie solle sich einen Basset mit dem Kopf eines Schäferhundes vorstellen. Das Bild, das Jackie sich machte, war ziemlich bizarr. Zum Glück erwies es sich, dass Lass ein hübscher Corgi war.


Es gab fast nichts, wobei Lass Jackie nicht helfen konnte!

Leider waren Jackie und Lass nur 9 Jahre zusammen vergönnt. Im Juni 2002 wurde bei Lass Hemangiosarkom, ein aggressiver, bösartiger Tumor, festgestellt. Laut den Tierärzten kommt dieser Krebs normalerweise bei grösseren Hunden wie Golden Retriever und Schäferhund vor. Der Krebs begann in der Milz und verbreitete sich schnell. Jackie konnte nichts anderes tun als Lass ihre letzten Tage so behaglich wie möglich zu machen. Sie nahm sie weiterhin mit zur Arbeit, damit sie auf sie aufpassen konnte. Ihre Kollegen waren grossartig und trugen Lass sogar die Treppen rauf und runter, nachdem Jackie einen Bandscheibenvorfall im Nacken erlitten hatte und es nicht bis in den 2. Stock schaffte. Nach nur etwas mehr als zwei Wochen, wusste Jackie, dass es Zeit war, Lass gehen zu lassen. Welchen Eindruck Lass bei den Menschen in Jackies Umkreis hinterliess, zeigte sich als Jackies Chef und eine Kollegin Jackie und Lass auf ihrem letzten Gang zum Tierarzt begleiteten.

Der Tod von Lass war sehr schwer für Jackie. Sie hatte nicht nur ihre treuste Begleiterin verloren, es fehlte ihr jetzt auch das Gefühl der Sicherheit, das ihr die "geliehenen Ohren" auf der Arbeit gegeben hatten. Zum Glück hatte Jackie sich kurz vor Lass' 11. Geburtstag mit Marian in Verbindung gesetzt, um sich nach einem Ersatz zu erkundigen, damit Lass in den Ruhestand treten konnte. Als Jackie nach Texas reiste, um Teddi Bear zu holen, wusste sie noch nichts von Lass' Diagnose. Ziel war, dass Teddi Bear die Signalarbeit von Lass erlernen konnte, während Jackie sich daran machte, Teddi Bear auszubilden. Lass' Krankheit verzögerte jedoch das Training von Teddi Bear, weil Jackie so viel Zeit wie möglich mit ihrer alten Gefährtin verbringen musste.

Marian erklärte, dass Teddi Bear, ebenfalls ein Tri-umph Corgi, sich nicht für Ausstellungen eignete, dass sie die Hündin aber nicht einfach als Familienhund abgeben wollte, weil ihre spezielle Persönlichkeit und ihre Intelligenz zeigten, dass sie für etwas Besonderes bestimmt war.

Zurzeit erhält Teddi Bear privates Obedience Training mit Jackie und einem Trainer. Um als Signalhund mit Zutrittsberechtigung zu öffentlichen Räumen zertifiziert zu werden, muss Teddi Bear jederzeit unter Kontrolle sein und sich in der Öffentlichkeit mit Fokus auf Jackie bewegen können.

Eine Zertifizierung als Signalhund geht weit über die Anforderung des AKC (American Kennel Club) bei einer Begleithundeprüfung hinaus. Sie muss auf die Herausforderungen trainiert werden, denen Jackie im täglichen Leben gegenüber steht. Falls Jackie z.B. mit Teddi Bear reisen will, muss der Hund seine Erfahrungen gemacht haben, bevor Jackie mit ihm ins Flugzeug oder in den Zug steigt.

Bereits begleitet Teddi Bear Jackie zu ihrer Arbeit und hat sich gut eingelebt. Sie muss auch lernen, wie sie auf die verschiedenen Signale (Geräusche) reagieren muss, um Jackie darauf aufmerksam zu machen. Es wird noch Monate dauern, bis Teddi Bear für den vollen Einsatz bereit ist, aber Jackie ist fest entschlossen, dass Teddi Bear trainiert wird. Nach all den Jahren mit Lass weiss sie, wie wertvoll die Fähigkeiten des Hundes sind. Sie weiss auch, wie verschieden das Leben für Hörbehinderte mit und ohne die Ohren eines Hundes ist. Jackie ist sich bewusst, dass Lass und Teddi Bear verschieden sind, und während Lass immer in ihrem Herzen sein wird, weiss Jackie, dass Teddi Bear ihre eigene Persönlichkeit hat, und dass die Bindung zu ihr, wenn auch auf eine etwas andere Art, trotzdem stark sein wird. Für Teddi Bear bedeutet es ein langes Leben als geschätzte Begleiterin von jemandem, der sie wirklich braucht.

In der nächsten Folge könnt ihr die Geschichte von Sondra und ihrem Hörhund Evie in Sacramento, Kalifornien, lesen.

*) Joan B. Guertin ist professionelle Hundetrainerin seit 1958 und betreibt seit Ende der achtziger Jahre ihre eigene Hundeschule in Springfield, Missouri, wo sie privat Hörhunde für ihre Kunden ausbildet. Sie züchtet Pembroke Corgis unter dem Zwingernamen Hi-Desert seit 1970 und konkurriert mit ihren Hunden im Ausstellungsring, in Obedience und an Hüteprüfungen. Für 2002 plant sie, ihre Hunde auch an Free Style, Rally-O und Agility-Konkurrenzen teilnehmen zu lassen, aber mehr zum Spass.

Erschienen in der PWCCA Newsletter, Winter 2002
Übersetzung ANo mit freundlicher Genehmigung der Redakteurin Marian Johnson Your.

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29.04.2013