Leih mir deine Ohren!- Folge 5
Von Joan B. Guertin

Jackie LaMarche und Teddi Bear
Der tricolor Wirbelwind, der durch das Haus fegt, ist nicht von Sinnen; es ist kein Anfall von "frapping" (Frequent Running And Playing = wie wild spielerisch herumsausen), dem sich besonders junge Corgis hingeben. Dieser kleine Dynamo hat eine Mission! Ihre "Hausgenossin" Jackie LaMarche hat etwas in die Mikrowelle gesetzt und muss jetzt wissen, dass das Gericht fertig ist. Einige Minuten später klingelt das Telefon und Teddi Bear wird erneut aktiv. Den ganzen Tag ist sie damit beschäftigt, Jackie auf verschiedene Geräusche aufmerksam zu machen, z.B. die Türglocke oder ein Klopfen. Wenn Jackie abends zu Bett geht, kann sie ruhig schlafen in der Gewissheit, dass Teddi sie aufweckt, falls der Rauchmelder aktiviert würde.


"Wach auf, das Telefon klingelt!" - Foto: Chris Cronin

Es gehört alles zur Aufgabe des viereinhalb-jährigen Corgis, dessen registrierter Name auf Tri-umph Twentiethcentury Fox lautet, gezüchtet von PWCCA-Mitglied Marian Johnson Your und geboren am 5. Dezember 1999.

Teddi ist nicht Jackies erster Signalhund. Lass (die Heldin der ersten Folge von Leih mir deine Ohren!) begleitete Jackie während den ersten 9 Jahren. Kurz nach Teddis Ankunft am 15. Juni 2002 starb Jackies geliebte Lass an einer seltenen Krebsart.

Das Problem stellte sich, Teddi in Obedience und Signalarbeit auszubilden. Nur ganz wenige Assistenzhunde-Organisationen sind bereit, den persönlichen Hund der Behinderten zu trainieren oder dabei zu assistieren. Und so trat ich in Erscheinung. Marian Your wusste, dass ich mit Signalhunden gearbeitet und sie trainiert hatte, nur wohnte ich in Missouri und Jackie in Massachusetts. Aber dank Marilyn Pona's Assistance Dogs for Living (ADL), einer Assistenzhunde-Organisation mit Sitz in St Louis, Missouri, war das kein Problem. ADL war darauf ausgerichtet, Behinderten die Ausbildung des eigenen Hundes mit Beistand eines Training-Betreuers zu ermöglichen.


Teddi Bear und Jackie beim Einkaufen im Supermarkt;
manchmal muss Teddi fallenden Äpfeln ausweichen!

Jackie liess sich bei ADL registrieren und erhielt ihren "Assistenzhund in Ausbildung"-Ausweis. Mit meiner Signalhund-Erfahrung wurde ich die Betreuerin bei der Signalarbeit und auf Jackies Wunsch kontaktierte ich Missy Kielbasa, eine Trainerin mit der sie früher gearbeitet hatte. Missy, Mitglied des Familienhunde-Trainer Verbands, arbeitete auch nach der positiven, belohnungsmotivierten Methode, die ich beim Training benutze. Mit Missys Hilfe beim Obedience-Training und meinem Beistand beim Signaltraining, begannen Jackie und Teddi die Arbeit als zukünftiges Team.

Das Obedience-Training mit Missy ging relativ problemlos, weil Missy und Jackie sich schon von früher kannten und Jackie in den Jahren mit Lass gute Führungseigenschaften errungen hatte. Und Teddi war eine willige Schülerin.

Die grösste Herausforderung war die Ausbildung zur Signalarbeit. Aber Jackie zeigte sich erfinderisch. Weil sie die Geräusche, auf die Teddi reagieren sollte, nicht hörte, wurde ein Team "menschlicher Ohren" gebraucht, das Teddi auf die Geräusche konditionierte. Zu diesem Zweck organisierte Jackie eine Gruppe junger Freunde. Und alle machten ihre Arbeit prima wie ich dem Video entnehmen konnte, das Jackie mir diesen Frühling überreichte. Jackie war eine aufmerksame Beobachterin und berichtete während der ganzen Dauer des Trainings detailliert was sie machte und wie, samt die erzielten Resultate. Es war gut, hatten wir das Internet. Jackie war eine tüchtige Schülerin, ihre Erklärungen waren ausführlich und durch unsere Email-Korrespondenz lernten wir uns sehr gut kennen. Die Mappe mit meinen Trainingsnotizen ist rund 7,5 cm dick.


"Schon wieder das Telefon!" - Foto: Chris Cronin

Weil Lass auf der Red Acre Farm ausgebildet wurde und ich mit einem ihrer Trainer gearbeitet hatte und für das Erlernen der Geräusch-Signale einen Quietschball verwendete, war die Ausgangslage für uns beide die gleiche, was unsere Kommunikation erleichterte.

Teddi war hochmotiviert auf Futter und es dauerte nicht lange, bis sie das "Signal"-Spiel verstand. Ein bestimmtes Geräusch bedeutet eine Belohnung, wenn man zu Mama rast. Das mit der Rückkehr zur Geräuschquelle zu verbinden, wo eine noch grössere Belohnung wartet, war einfach. Geräusch = Mama benachrichtigen = retour zur Geräuschquelle = Belohnung! Corgi versteht das! Corgi kann das bis zur Perfektion erlernen!

Soviel zu den einfachen Geräuschen wie Mikrowelle, Telefon, Türglocke und Klopfen. Der nächste Schritt sind die schwierigeren Situationen. Geräusche, wenn Mama nicht im Raum ist und du sie finden musst! Jackie versteckte sich in der Dusche, in Schränken, kniete mit dem Kopf in einem Schrank. In solchen Fällen muss sich der Hund etwas mehr anstrengen, aber Teddi schaffte die neue Herausforderung.

Nur ein "Monster" erwies sich als etwas problematisch. Teddi fürchtete sich vor dem Staubsauger. Es würde Zeit und Geduld brauchen, diese Angst zu überwinden, um Jackie ein wichtiges Geräusch zu melden, während sie staubsaugte. Aber als echter Corgi war das Pflichtgefühl stärker als ihre Furcht und zudem überwog die Aussicht auf Belohnung bei weitem ihre Angst. Die Helfer waren von unschätzbarem Wert, sie avisierten Jackie visuell, wenn es ein Geräusch zu melden gab. So konnte Jackie Teddi ermuntern zu reagieren. Ein einfaches "Was gibt's?" und das Spiel konnte beginnen. Teddi fand schnell heraus, welche Geräusche bedeuteten, dass "Corgi im Dienst ist".

Als die Arbeit zu Hause einmal erlernt war, musste Teddis Horizont erweitert werden. Zum Glück hatte Jackie Urlaub und eine Reise zum Cape Cod und Zeit bei Verwandten boten die perfekte Gelegenheit, Teddi in einer völlig neuen Umgebung arbeiten zu lassen. Und wieder bestand Teddi mit Bravour.


Bei der Aufnahme des Training-Videos: "Jemand ist an der Tür" - Foto: Chris Cronin

Inzwischen arbeitete Teddi fleissig im Obedience-Training, damit sie sich für die Zugangsberechtigung qualifizieren konnte. Die harte Arbeit hatte sich gelohnt und sie bestand den AKC Canine Good Citizen Test (ein Art Hundehalter-Brevet) problemlos sowie die Anforderungen der Therapy Dogs International. Teddis eigentliches Training begann im November 2002 und endete Anfang 2004, nach etwas mehr als einem Jahr. Es hätte schneller gehen können, aber wie so oft im Leben, ging nicht alles ganz nach Plan, u.a. kam ein grösserer Umzug von Jackie in eine Eigentumswohnung in die Quere und im letzten Jahr eine Operation am Hals. Aber sie schafften es.

Ein lustiger Zwischenfall bewies, wie gut Teddis Training funktionierte. Eines Tages zeigte Teddi immer wieder das Telefon an, aber das Lämpchen des Tele-Type-Gerätes blinkte nicht. Jackie versuchte herauszufinden, was los war und entdeckte, dass das Handy, welches sie beim Training benutzt hatten, gepiepst haben musste. Die Batterie war fast am Ende und Teddi zeigte immer wieder an, bis Jackie das Problem gefunden hatte.

Während der Ausbildung müssen wir unsere Schüler immer wieder daran erinnern, dass sie ihrem Hund vertrauen MÜSSEN und Teddis Reaktion war der beste Beweis dafür!

Jackie und Teddi trainieren immer noch mit Missy und arbeiten zurzeit an der Auszeichnung zum Begleithund. Wie ihre Vorgängerin ist Teddi mit Jackie aktiv mit Therapiearbeit in Krankenhäusern. Das Paar besucht auch Schulklassen und unterrichtet Kinder, wie man sich gegenüber Hunden verhält und dem Training von Assistenzhunden. Folglich erhält Teddi sogar Fanpost.


Teddi Bear zeigt der 2. Klasse der Zanetti Montessori Schule
von Springfield, Massachusetts, wie ein Hörhund arbeitet. - Foto: Tia Schabot

Als wir das Training langsam reduzierten fragte ich Jackie, welche Erfahrung sie mit der Ausbildung des eigenen Signalhundes im Vergleich zur Anschaffung eines bereits ausgebildeten Hundes gemacht hatte. Sie fand, dass die Ausbildung von Teddi ein enormes Unterfangen war und neben Arbeitskraft auch sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Wenn sie damals gewusst hätte, wie viel Arbeit dahinter steckte, hätte sie sich vielleicht abschrecken lassen. Sie ist jedoch sehr froh, dass sie Teddi mit Hilfe ihrer Freunde ausbildete. Sie hätte auch keine Bedenken, es falls notwendig wieder zu tun. Sie fand es ein sehr bereicherndes Erlebnis.


Teddi mit ihrem Fanclub aus der 2. Klasse
in der Zanetti Montessori Schule. - Foto: Tia Schabot

Jackie gibt auch zu, dass die Arbeit mit Teddi ihr klar machte, dass sie in Bereichen erfolgreich war, wo sie es nie erwartet hätte. "Ich glaube nicht, dass ich es mit Atomphysik versuchen werde, aber ich weiss jetzt, dass ich mich mit vielen Dingen beschäftigen kann, wahrscheinlich sogar mit Erfolg. Ich genoss es, dir von Teddis Fortschritten und dem Training zu berichten, und vielleicht werde ich versuchen, selbst einen Artikel darüber zu schreiben."

Weiter schreibt Jackie: "Ich wuchs mit Hunden auf, betrachtete mich selbst aber nie als "Hundemensch". Ich kann es immer noch nicht ganz fassen, dass ich Teddi ausgebildet habe. Es ist etwas vom Besten, das ich je getan habe und ich betrachte die Arbeit nicht als abgeschlossen. Teddi und ich lernen beide jeden Tag etwas Neues und das ist das Schönste am Training meines Hundes. Mit Teddi etwas Neues zu versuchen, ist zu einer selbstverständlichen Gewohnheit geworden!"

Teddi Bear mit ihren speziellen Fähigkeiten und Jackie LaMarche mit ihrer speziellen Begabung helfen sich gegenseitig zu einem besseren gemeinsamen Leben. Für mich war die Zeit mit den beiden jedenfalls eine Bereicherung!

Erschienen in der PWCCA Newsletter Sommer 2003
Übersetzung ANo mit freundlicher Genehmigung der Redakteurin Marian Johnson Your.

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29.04.2013